Lass uns reden! - Teil 01

 

 

Liebe Gaby,
als Du mir Freitag Abend die Frage gestellt hast, ob Du für die Eröffnungsfeier der Spiele in Rio aufbleiben sollst, war für mich die Antwort klar. Ins Bett gehen, denn für die Übertragungen im TV werden dieses Jahr ohne mich stattfinden.
Meine ersten Erinnerungen verbinde ich mit Sarajevo 1984, dieser schrecklichen Hymne, dem Bolero, dem Duell Nykänen/Weißflog. Seit damals waren die Spiele für mich immer Pflichttermine, jede freie Minuten wurde vor dem Fernseher verbracht.
Nach und nach wurde mein Interesse weniger. Andere Prioritäten, die Gelddruckmaschine IOC mit ihren Knebelverträgen für die Ausrichterstädte und unerträgliche national gefärbte Medaillenzählereien statt Sportübertragungen führten dazu.
2016 heißt es nun endgültig NOlympia für mich. Die Entscheidung des IOC, den russischen Athleten durch die Hintertür doch das Startrecht zu ermöglichen, während auf der anderen Seite alles getan wird, dass Julia Stepanowa nicht an den Start gehen kann, zeigt eben, worum es bei diesen Spielen wirklich geht.
Nochmals zur Einordnung: Der McLaren-Report der WADA spricht von ORGANISIERTEM Staatsdoping im russischen Sport, u.a. auch im Vorfeld der Schwimm WM in Kazan 2015. Es gibt Beweise, dass der Geheimdienst FSB Proben russischer Sportler bei den Spielen in Sotschi nachts aus dem dortigen WADA-Labor entfernte und austauschte.
Und was macht das IOC mit diesen Erkenntnissen? Einen schlanken Fuß und schiebt elf Tage vor Eröffnung der Spiele den Sportverbänden die Einzelfallprüfung der Athleten zu. Es ist das selbe IOC, das andererseits aber in der Lage ist eine Armada an Anwälten damit zu beschäftigen, dass Hashtags, Symbole, Begriffe und sonstwas geschützt werden. Es ist das selbe IOC, das in der Lage ist, die Interessen von Sponsoren weltweit zu schützen. Und es ist das IOC, das in der Lage ist, NOKs auszuschließen, wenn eine Trennung von Politik und Sport dort nicht gegeben ist.
Kurzform: Die Wahrung von Geschäftsinteressen liegt im Interesse des Lausanner Weltkonzerns, selbst wenn sie zu Lasten des sauberen Sports geht. Und damit auch zukünftig keiner auf die Idee kommt, das irgendwie zu stören, werden die Stepanows als Paria behandelt, und nicht als Helden, wie sie es verdient hätten.
Die Olympischen Spiele als Sportereignis sind tot. Das IOC hat sie zu Grabe getragen.
Für mich gibt es keinen Grund mehr, dies weiterhin anzuschauen.
Ich freue mich sehr auf Deine Antwort!
Liebe Grüße
Sven

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Medienfreundin (Mittwoch, 10 August 2016 01:22)

    Du hast im Großen und Ganzen sicherlich vollkommen recht...

    ABER...

    Sind es nicht die kleinen Dinge, die am Ende entscheiden?

    Sollte man wirklich all die positiven Effekte, die durch die Olympischen Spiele möglich sind, aufgrund des Negativen aufgeben, anstatt für sie zu kämpfen?

    Nenn mich eine hoffnungslose Romantikerin, aber es gibt wohl kaum ein Ereignis, das einen so großen Teil der Welt zusammenbringt, wie die Olympischen Spiele.
    Die (digitale) Welt teilt ja in dieser Zeit nicht nur den (mehr oder weniger) großen Sport miteinander, sondern auch die vielen kleinen Geschichten am Rande. Individuelle Schicksale und magische Momente, die im kollektiven Gedächtnis bleiben und die Menschheit einander langfristig näher bringen.

    Natürlich kann es nicht immer ein Jesse Owens sein, der gleich eine ganze Ideologie öffentlich ad absurdum führt.
    Aber auch jetzt setzen sich z.B. Menschen verschiedenster Herkunft gemeinsam für die Stepanows ein und romantische Bilder von einem lesbischen Heiratsantrag verändern Klick für Klick unmerklich die Welt.

    Wir sind doch viele - let's reclaim the game(s)! ;)