Zehn Elfer, drei Ecken - Folge 16: Hannover 96

 

 

 

Da ist er also, der letzte, der finale, der 34. Spieltag. Und das Beste daran? Für den SC geht es um nichts mehr. Es war schon letzte Woche ein beinahe unbekanntes Gefühl einfach mal einen Spieltag nur zu genießen, keine Anspannung, keinen Blick auf die Tabelle, einfach nur Fußball schauen. Und nun der Clou: Morgen wird es nicht anders sein.

 

 

 

Wünsche also diesem ereignisreichen, aber im Rückblick einfach wunderbaren Jahr des SC zum Abschluss ein 7:5 um somit Hannover noch in der Tabelle zu überholen. Wenn es „nur“ ein 4:2 wird, bin ich auch nicht böse.

 

 

 

Eben noch im Livestream der re:publica zu sehen, nun schon in dieser bescheidenen Hütte: Klaas Reese, alias @sportkultur, the mind behind Fokus-Fussball.de und die eine Hälfte des Hochgenusses für Kopf und Ohren, „Collinas Erben“. (Gruß auch an Alex, mal schauen ob er das hier liest.)

 

 

 

Ich übergebe nun das Wort an Klaas, nicht ohne anzumerken, dass ich bei Elfer acht auch im Stadion war. Über dieses Spiel ließe sich wirklich mal ein eigener Beitrag verfassen. So, nun genug vom Amateur, das Wort hat der Könner:

 

 

 

 

 

Zehn Elfer

 

 

 

1. Das bin ich in 140 Zeichen:

 

 

 

Mein Name ist Klaas Reese. Ich mag 96 und Schiedsrichter, Radio, Podcasts und Fußballblogs.

 

 

 

2. So kam ich zu meinem Verein:

 

 

 

In Köln erzähle ich auf die Frage wie ich zu 96 als Lieblingsverein gekommen bin, dass ich eines Nachts aufwachte und dachte: "Klar! 96. Das ist ein sympathischer Verein." Aktuell kann man das nicht reinen Gewissens behaupten, deshalb sei an dieser Stelle auf meine Heimat im Schaumburger Land verwiesen. Hannover 96 spielte nur 30 km entfernt. Da lag es nahe dort im zugigen Niedersachsenstadion Fußballspiele zu schauen.

 

 

 

Richtig erblüht ist die Liebe zum Verein erst so richtig nach Umzug nach Köln. Ein Stückchen Heimat in der Fremde mit Gleichgesinnten und der Gründung des Fanclubs "96 Kölsch" vor fast zehn Jahren.

 

 

 

3. Niemals werde ich dieses Glücksgefühl vergessen, als...

 

 

 

ich - wenn ich mich auf Fußballerlebnisse beschränke - in einer Art großen Stierkampfarena in Sevilla stand und Mo Abdellaoue ein Tor machte, das als Ikone wie der Spreitzbeinschritt von Michael Jordan in meinem Gedächtnis eingebrannt ist. Wir dachten, dass 96 bei diesem Gegner wieder schnell aus dem Spielplan der Europa League verschwinden würde. Stattdessen begann eine Reise durch einige Stadien Europas.

 

 

 

4. Im Giftschrank der Erinnerungen liegen…

 

 

 

die ekelhaften Fangesänge von Fußballfans anderer Vereine, die meinen, dass man mit Schmähgesängen über Robert Enke provozieren müsste.

 

 

 

5. Diesem Spieler sollten wir einen Vertrag auf Lebenszeit anbieten...

 

 

 

Jiří Štajner.

 

 

 

6. Der unbesungene Held unseres Clubs ist...

 

 

 

Steven Cherundolo. Es gibt für ihn zwar mal "USA! USA!"-Fangesänge, aber der Junge hat als Außenverteidiger über 15 Jahre alle Konkurrenten ausgeschaltet und fast immer gespielt. Schade, dass er die WM 2014 nicht als Karriereabschluss bekommt. Noch ärgerlicher, dass ihm nicht so ein Abschied aus dem Niedersachsenstadion vergönnt ist wie Altin Lala. Verdient hätte er es auf jeden Fall.

 

 

 

7. Mein ewiger Lieblingsspieler des Vereins ist...

 

 

 

Robert Enke. Ein ganz großer Torwart.

 

 

 

8. Mit dem SC Freiburg verbinde ich folgende Erinnerung...

 

 

 

Eine Erinnerung an das beste Spiel seit Wiederaufstieg. Es war fußballerisch sicher kein Leckerbissen - ganz im Gegenteil. Aber es war von hoher Intensität, es war ungemein wichtig für 96 und es war unfassbar anstrengend.

 

Das Spiel fand am 6.März 2010 im Breisgau statt. Es war der 25.Spieltag, 96 hatte seit dreizehn Spielen nicht mehr gewonnen und war 17. mit 17 Punkten. Der Gegner SC Freiburg hatte drei Punkte mehr auf dem Konto. Wenn Hannover das Spiel verloren hätte, dann wäre das rettende Ufer in weite Ferne gerückt. Am Spieltag selbst drohte das Spiel auszufallen, denn in Freiburg hatte es am Morgen heftig geschneit.

 

Zum Glück wurde dank der tatkräftigen Unterstützung durch SC-Fans doch angepfiffen und auch wenn das kein Fußball war, den die Roten spielten, so merkte man dem Team an, dass es versuchte sich gegen die nächste Niederlage zu wehren. Aber alles wollen nützte wenig. Der kicker schrieb: “Bemühen konnte man sowohl Freiburg als auch Hannover nicht absprechen, Struktur brachten aber weder der SC noch 96 ins Spiel.” Eine gute Zusammenfassung des Spielgeschehens. Štajner, Lala oder Koné waren richtig schlecht und dennoch gaben die mitgereisten 96-Fans alles auf der Tribüne.

 

Als dann Elson traf brach ein Jubel los, denn ich so selten erlebt habe. Nach dem Ausgleich von Abdessaki war es kurz ruhig im Gästeblock, aber die Trotzreaktion auf den Rängen kam genauso wie das entscheidende Tor vom Freiburger Cissé, der einen Freistoß vom eingewechselten Arnold Jan Bruggink per Kopf ins eigene Tor verlängerte. Der Jubel bei den Auswechselspielern Hanke, Eggimann und Co gehört mit zu den schönsten Beobachtungen, die ich in dieser unfassbaren Saison 2009/2010 gemacht habe.

 

Vor dem Tor von 96 versagten dann zum Glück Cissé, der wohl das schlechteste Spiel im Trikot des SC machte, die Nerven und der glänzend aufgelegte Fromlowitz rettete gegen den Ex-96er Idrissou. Bei Abpfiff herrschte Raserei im Block. Wildfremde Menschen umarmten mich, selbst gestandenen Mittvierzigern standen Tränen in den Augen und die Mannschaft ließ sich vor der Kurve feiern. Trotz Schnee und Kälte kamen später noch einige Spieler ein zweites Mal aufs Feld, weil der Gästeblock immer noch gut gefüllt war und nach der Mannschaft rief. Man sah Spielern und Zuschauern an wie anstrengend diese 90 Minuten gewesen waren. Aber auch die Erleichterung stand allen ins Gesicht geschrieben. So stimmten zum Abschied alle Fans der Roten “Wir woll´n jetzt saufen gehen” an, wozu sich selbst die Polizisten ein Lächeln nicht verkneifen konnten. Die Saison nahm den bekannten, glücklichen Verlauf mit einem Happy End. Vor allem dank des wichtigsten Spiels der Roten seit Wiederaufstieg in Freiburg.

 

 

 

 

 

9. Außer Matthias Ginter hätte ich gerne folgenden Spieler des SC Freiburg bei uns im Kader ...

 

 

 

Mike Hanke. Der Mann hat 96 mit ganzem Herzen in der 1.Liga gehalten und dann geholfen den Verein für das internationale Geschäft zu qualifizieren. Danach ist ihm dasselbe in Gladbach gelungen. Man mag sich über seinen Laufstil oder die Namen seiner Kinder lustig machen, aber als Typ mag ich den Mike sehr.

 

 

 

10. Mein ultimativer Geheimtipp für Gästefans lautet....

 

 

 

Probiert in Hannover Lüttje Lage und wenn ihr Zeit habt, dann besucht den schönsten Zoo Deutschlands.

 

 

 

 

 

Drei Ecken

 

 

 

Ich wollte Dich schon immer einmal fragen:

 

 

 

Ob du dich über den Stadionneubau freust?

 

 

 

Für mich gibt es kaum ein schöneres Stadion in der Bundesliga als das an der Dreisam. Nirgends ist man so nahe dran, kann vom Stehplatz auf der Süd dem Torwart beim Aufwärmen so schön was zurufen. Auch wird man noch nicht von Caterinfirmen gequält, sondern vom Metzger versorgt, bezahlt seine Bratwurst mit echtem Geld und kann nebenbei einfach Fußball pur genießen.

 

Da man mit reiner Romantik aber dauerhaft keine Bundesliga spielen kann ist das neue Stadion auf jeden Fall notwendig. Und wenn ich als Fan will, dass der SC sich nicht dauerhaft mit Sandhausen, Heidenheim oder Erfurt auseinandersetzen muss, gibt es zum Neubau keine Alternative.

 

 

 

 

 

Wann eine Freiburger Mannschaft auch ein Jahr in der Europa League aushalten kann ohne in Abstiegsangst zu geraten?

 

 

 

Wohl gar nicht, schließlich ist es dieses Jahr das erste Mal der Fall, dass der SC die Klasse gehalten hat, obwohl er am internationalen Wettbewerb teilnahm. Ich ordne diesen Klassenerhalt noch höher ein als das Erreichen von Platz fünf im letzten Jahr.

 

 

 

 

 

Warum du glaubst, dass der SC Freiburg sich trotz Rasenballsport, Effzeh, Heidenheim und Ingolstadt dauerhaft in der 1.Liga halten kann?

 

 

 

Wer sagt denn, dass ich das glaube? Aktuell schafft es der Verein jedes Jahr so viel richtig zu machen, dass es geschafft wird, die wirtschaftlichen Nachteile und den jährlichen Substanzverlust der Spielerverkäufe aufzufangen und auszugleichen. Ich glaube, dass der SC eine realistische Chance hat weiterhin immer wieder Bundesliga zu spielen, wenn er den Weg so weiter geht wie bisher. Mit einem Fokus auf die eigene Jugend; mit Ruhe auch in kritischen Momenten; mit einer Vorstellung wie man Fußball spielt, die auch in schwierigen Situationen beibehalten wird und nicht zuletzt mit verdammt guter Arbeit aller Beteiligter.

 

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