Zehn Elfer, drei Ecken - Folge 11: VfB Stuttgart

 

 

 

Morgen spielt der SC Freiburg in Stuttgart. Ich spare mir eine lange Vorrede, denn der Blick auf die Tabelle zeigt die Bedeutung des Spiel und für künstliche Emotionen von wegen Derby war ich eh noch nie zu haben

 

Es ist mir eine besondere Ehre, dass sich Reiner Maria, auch bekannt als Heinz Kamke für dieses Spiel dem Fragebogen angenommen hat. Sein Blog ist das reinste Lesevergnügen, auch wenn man sich für manche Artikel ob ihrer Länge besser zwei Tage Urlaub nehmen würde.

 

Noch ein persönliches Wort: Ohne ihn würde es dieses kleine Blog hier nicht geben. Die Ermutigung, dass er sich für mein Geschreibsel interessierte und sogar veröffentlichte, ließ in mir überhaupt erst den Gedanken an die eigene Seite aufkommen.

 

Und bevor hier jetzt noch Rührungstränen vergossen werden, übergebe ich mit großer Freude das Wort an Rainer Maria.

 

 

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Zehn Elfer



1. Das bin ich in 140 Zeichen:



140 Zeichen? Selbst in einer klassischen Nokia-SMS hab ich wenigstens 160. Hat das etwas mit diesem Twitter zu tun, von dem Ihr immer redet?



2. So kam ich zu meinem Verein:



Wenn wir von “meinem Verein” sprechen, dann gibt es zunächst einmal zwei Möglichkeiten: zum einen jenen, bei dem ich seit frühester Kindheit am und auf dem Platz stand, daheim am Bodensee, um zunächst meinen Vater anzufeuern, später dann selbst jahrzehntelang dort zu kicken, Jugendmannschaften zu trainieren, etc. … Zum anderen gibt es noch jenen Verein, zu dem ich erst hier in Stuttgart fand, eher zufällig, bei dem ich es mit über 30 in der Kreisliga noch einmal, ähem, wissen wollte, noch einmal ein paar Jahre spielte und dann Vorstandsaufgaben übernahm. Will sagen: bei diesen beiden Vereinen spielte ich (hauptsächlich), trug zu ihrem Erfolg und Misserfolg bei, übernahm Verantwortung, kurz: sie waren und sind “meine Vereine”.



Aber Du interessierst Dich natürlich für etwas anderes. Zum VfB kam ich relativ spät. Mein erstes Spiel im Neckarstadion fand im August 1985 statt, ein eher klägliches 0:1 gegen Schalke, Boxer Täuber traf. Eine wirklich intensive Bindung an den Verein ergab sich erst um die Jahrtausendwende, als ich in Stuttgart sesshaft wurde und auch meine erste Dauerkarte kaufte. Stimmt nicht: geschenkt bekam. Von meiner damaligen Freundin und jetzigen Frau.



3. Niemals werde ich dieses Glücksgefühl vergessen, als...



Natürlich gerate ich in den Ruch, besonders klug daherreden zu wollen, wenn ich nun auch die dritte Frage gewissermaßen aus- oder abweichend beantworte, aber es ist eben so: Glücksgefühle, die ich niemals vergessen werde, entstammen in allererster Linie anderen Lebensbereichen. Geburt der Kinder, Genesung eines engen Verwandten, Sie wissen schon.



Aber wenn wir uns auf den VfB beschränken, kommt mir als erstes der letzte Spieltag der Saison 2002/03 in den Sinn, als sich der VfB nicht zuletzt dank eines überraschenden Cottbusser Unentschiedens bei Vorjahresmeister Dortmund erstmals für die Champions League qualifizierte und Zvonimir Soldo, das alte Feierbiest, hernach “Stuttgarter Jungs” anstimmte. Gefolgt, wenige Monate später, vom Sieg gegen Manchester United.



2007 war natürlich schön, mit dieser wunderbaren Rückrunde, Gomez’ Comeback, Hildebrands Parade in Bochum, Hitzlspergers Direktabnahme und Khediras Siegtor, bis hin zur selten so erlebten kollektiven Euphorie auf dem Schlossplatz, mit den Fantastischen Vier.



Und ganz aktuell muss, nein: möchte ich sagen, dass die ersten 25 Minuten am vergangenen Samstag zwar kein unvergessliches Glücksgefühle beschert, zumindest aber in diesen nicht ganz leichten Tagen und Wochen der Seele enorm geschmeichelt haben.



4. Im Giftschrank der Erinnerungen liegt...



Wenn man sie denn wegräumen könnte wie in einem Giftschrank, diese Erinnerungen. Tatsächlich haben sie die doofe Angewohnheit, immer mal wieder ungefragt ans Tageslicht zu gelangen. Sehr bitter, auch wieder ein wenig off topic, ist mir nach wie vor das WM-Finale 2002 in Erinnerung. Eine persönliche Tragödie (nach Fußball-Maßstäben, versteht sich) für Oliver Kahn.



Ein Stadionerlebnis, das mir nach wie vor schwer im Magen liegt, waren die höhnischen Fangesänge, die die Cannstatter Kurve im Februar 2006 dem offensichtlich schwer verletzten Andreas Reinke widmete. Ich stand schweigend da und bin noch heute bestürzt..



5. Diesem Spieler sollten wir einen Vertrag auf Lebenszeit anbieten...



Vorab weise ich gerne darauf hin, dass ich persönlich nicht mit Vertragsangelegenheiten befasst bin. Wenn also die sportliche Leitung einen Vertrag auf Lebenszeit anbieten wollte, dann plädierte ich für Balakov. Ach nee, so einen Vertrag hatten wir ja schon. Roberto Hilbert hätte ich einen gewünscht, als Typ, weil mir sein Engagement auf dem Platz, sein Umgang mit den Fans und manches mehr stets sehr imponierte.



Aktuell kann man sich so etwas, aus sportlichen wie emotionalen Gründen, natürlich für Timo Werner wünschen, aber wir wissen alle, dass das zum einen unrealistisch ist und zum anderen ihm nicht gerecht wird – er gehört über kurz oder lang auf Bühnen, die ihm der VfB nicht bieten kann.



6. Der unbesungene Held unseres Clubs ist...



Manfred Haas. Der letzte ehrenamtliche Präsident übernahm die Geschicke des VfB in einer der schwierigsten Phasen der Vereinsgeschichte, konsolidierte die Finanzen und stellte, ob bewusst oder unbewusst, die Weichen für den sportlichen Aufstieg der damaligen “jungen Wilden”.



7. Mein ewiger Lieblingsspieler des Vereins ist...



Zvonimir Soldo. Stuttgarter Jungs, Sie wissen schon.



8. Mit dem SC Freiburg verbinde ich folgende Erinnerung... .



1980 feierte mein Verein(vgl. Frage 2) ein Jubiläum und der SC war zu Gast. Aus von mir nie hinterfragten Gründen blieb er über Nacht, vielleicht sogar mehrere Nächte, möglicherweise war es schon ein Trainingslager für die neue Saison, ich weiß es nicht. Mein Vater hatte irgendeinen Posten im Verein, der Fußballplatz war mein zweites Zuhause, das Vereinsheim das dritte, und so verbrachten wir auch gar nicht so wenig Zeit mit den Gästen aus dem Profizirkus, die mir die ersten Trophäen meiner im Lauf der Jahre so gut wie gar nicht anwachsenden Autogrammsammlung zukommen ließen. Der eine oder andere rümpfte die Nase, weil er sich auf einer Autogrammkarte von Günter Wienhold verewigen musste.



Und irgendwo auf dem elterlichen Dachboden kuscheln sich noch heute die Unterschriften von Karl-Heinz Wöhrlin, Henry Schüler, Gabor Zele, Günter Dämpfling und einigen anderen, darunter auch Bundestrainerbruder Markus Löw, aneinander.





9. Außer Matthias Ginter hätte ich gerne folgenden Spieler des SC Freiburg bei uns im Kader ...



Wenn wir mal die ganzen Randthemen beiseite schieben, die bei dieser Frage wohl zu beachten wären, landsmannschaftliche Erwägungen, zum Beispiel, oder auch die Anziehungskraft des VfB als Arbeitgeber, vielleicht gar die Sorge, dem hiesigen hochtalentierten Nachwuchs jemanden “vor die Nase zu setzen”, wenn wir uns also rein objektiv mit der Frage beschäftigen, wer dem VfB hülfe, dann wäre der ausgeschlossene Ginter zwar sicherlich ein Kandidat, aber keineswegs meine erste Wahl. Die lautete nämlich Oliver Baumann. Sportlich genauso wie, allem Anschein nach, als Persönlichkeit. Allein die Wandlung, die in den letzten Jahren bei seinen Auftritten bei Sport im Dritten (oder anderen Sendungen, ich mag da manches durcheinanderschmeißen) zu beobachten war, zeugt von enormer Reife und Verlässlichkeit. Und sportlich beeindruckt er mich gerade in der laufenden Saison noch einmal mehr als in den Vorjahren, nicht zuletzt nach seinem Katastrophenspiel gegen den HSV.



10. Mein ultimativer Geheimtipp für Gästefans lautet....



Psst, total geheim: seid laut, sportlich und fair!
Für die Einheimischen gilt das genauso.

 

 

Drei Ecken



Ich wollte Dich schon immer einmal fragen:



Ob...?

Du Christian Streichs Verschwörungstheorien noch hören kannst?
(Mir, als unbestreitbarem Streich-Sympathisanten, gehen sie (und nur sie) gehörig auf den Zeiger.)



Zitat der Holden: „Bei jedem Trainer eines anderen Vereins hättest Du die größte Klappe ob solchen Verhaltens.“ Ja, ich bin subjektiv, aber das sind Collinas Erben bei Fragen zum FC Bayern schließlich auch.



Wann...?

das erste Schopenhauer-Symposium im neuen Stadion stattfindet?

 

Welcher Titel könnte besser zu einer Pressekonferenz von Christian Streich passen als „Die Welt als Wille und Vorstellung“? Und was den Zeipunkt angeht hoffe ich sehr darauf, dass das Dreisamstadion nur noch eine WM als Spielstätte des SC erlebt, befürchte aber, dass es auch durchaus noch zwei Europameisterschaften sein können. Und dann würde sich natürlich auch die Frage stellen ob Christian Streich noch die Pressekonferenzen abhalten würde.



Warum...?

Du Dich ständig unter Zugzwang siehst?

 

Jeder Schachspieler kennt ihn, den Zugzwang. Der Moment wenn Du auf Dein Zugrecht gerne verzichten würdest, aber ziehen musst, wel Du eben im Zugzwang bist. Außerhalb des Bretts gibt es diesen permanenten Druck aber nicht. Mir sin ewe klein und wissen darum.

 

 

 




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Kommentare: 2
  • #1

    heinzkamke (Montag, 07 April 2014 12:42)

    Danke schön, die Ehre war ganz auf meiner Seite.

    Die Sache mit Baumann (und implizit Ulreich) ist mir am Samstag so'n bisschen auf die Füße gefallen, aber damit kann ich ganz gut umgehen ...

    Und tatsächlich kam ich nicht auf den naheliegenden Gedanken, Deinen Zugzwang auf Schach zu beziehen. Oh je ...

  • #2

    Trainer Baade (Donnerstag, 17 April 2014 19:11)

    Wie, was, el heinzkamke ist eigentlich ein Trainer Kamke und sogar ein Präsi Kamke? Da verbleich ich ja jetzt ein bisschen. Interessanter Fragebogen des Hausherrn, gerne gelesen (auch die anderen Ausgaben).

    Spannenderweise schreibt auch er Cottbusser mit zwei s, wo sich das aus den Regeln der deutschen Sprache eigentlich nicht erklären ließe, höchstens mit den vielen Ausnahmen, die es gibt. In Berlin gibt es schließlich auch das Kottbusser Tor, und ich selbst schriebe es auch stets ohne nachzudenken mit zwei s, bin mir aber nicht sicher, ob das korrekt ist. Auf der Webseite der Stadt Cottbus ist jedenfalls stets von Cottbuser Einrichtungen die Rede.

    Das WM-Finale 2002 noch mal zu schauen hab ich auch übrigens auch immer noch nicht übers Herz gebracht.